Der Brief
Über Ina’s unerfüllten KinderwunschÂ
Ina weiß, dass du Sie gern hast und ihr wünschst, dass sie glücklich ist. Aber in letzter Zeit scheint sie isoliert, deprimiert und besessen von ihrem Wunsch nach einem Kind. Es ist wahrscheinlich nicht einfach für dich zu verstehen, warum der Wunsch schwanger zu werden in alle Bereiche ihres täglichen Lebens hineinwirkt. Ina hofft, dass Du durch diesen Brief besser verstehst welchen Schmerz sie fühlt. Hier erfährst du auch wie du ihr helfen kannst.
Einige Fakten über Unfruchtbarkeit:
Es wird dich überraschen zu erfahren, dass jede siebte Frau mit Kinderwunsch nicht schwanger wird. Für diese düstere Statistik gibt es viele mögliche Ursachen: Verschlossene Eileiter, Erkrankungen der Eierstöcke, hormonelles Ungleichgewicht, schlechte Spermienqualität oder zu geringe Spermienanzahl des Ehemannes sind nur einige davon. Mit über 35 Jahren wird es für eine Frau zusätzlich schwierig schwanger zu werden, da viele ihrer verbliebenen Eizellen nicht mehr für eine Befruchtung geeignet sind. Dies sind alles physische oder physiologische Hinderungsgründe für eine Schwangerschaft - es sind keine psychologischen! Eileiter verschließen sich nicht, weil eine Frau “sich zu sehr mit dem Kinderwunsch beschäftigt”. Antikörper, die Sperma abtöten, werden nicht verschwinden, nur weil eine Frau sich mehr ausruht. Und ein Mann kann seine Spermienqualität nicht dadurch verbessern, dass er optimistischer und gelassener wird.
Gut gemeinte Ratschläge:
Wenn jemand den wir mögen ein Problem hat, ist es normal, dass wir versuchen ihm zu helfen. Wenn nicht wirkliche Hilfe gegeben werden kann, versuchen wir gute Ratschläge zu geben. Häufig erzählen wir dabei von persönlichen Erfahrungen oder geben Anekdoten aus dem Bekanntenkreis wieder. Vielleicht kennst auch Du ein Paar, das Schwierigkeiten hatte schwanger zu werden, bis es während eines erholsamen Urlaubs auf einer schönen Insel unverhofft klappte? Also schlägst Du vor, dass Ina und ihr Partner auch einen Urlaub machen sollen.
Ina schätzt Deine Ratschläge, aber sie nützen ihr wegen der physischen Natur der Gründe für ihr Problem nichts. Sie kann Deine Ratschläge nicht nur nicht nutzen, solche Ratschläge bringen sie völlig aus der Fassung. Tatsächlich wird sie regelmäßig überschwemmt mit solchen Ratschlägen. Stell Dir bitte vor, wie frustrierend es für sie sein muss zu hören, dass andere Paare auf “magische” Art schwanger wurden, nur dadurch dass sie sich im Urlaub liebten. Für Ina hat “Liebe machen” und die Empfängnis eines Kindes mittlerweile nur noch sehr wenig miteinander zu tun - das war früher anders. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr sie versucht hat ein Kind zu bekommen und wie zerstörerisch es für sie war, jeden Monat zu erfahren, dass es nicht funktioniert hat und das lange drei Jahre lang. Jeden Monat fragte sie sich ob dies endlich IHR Monat war. Wenn nicht, so sammelte sie ihre gesamte Energie, um es noch mal zu versuchen. Wie lange kann man das ertragen? Dein gut gemeinter Rat ist der Versuch, eine extrem komplizierte und missliche Lage in ein einfaches kleines Problem zu verwandeln. Durch die Verharmlosung ihres Problems auf diese Art, zweifelst du an der Werthaltigkeit ihrer Gefühle; sie fühlt sich nur noch wertloser, ihre Selbstzweifel werden mehr. Unter diesen Umständen ist es natürlich kein Wunder, dass sie ärgerlich und abweisend auf dich reagiert. Â
Die Wahrheit ist: Es gibt nichts konkretes, das du für Ina tun kannst. Die beste Hilfe ist, verständig und unterstützend zu sein. Es ist einfacher unterstützend zu sein wenn du verstehst, welch verheerender, fast vernichtender Schlag es sein kann, unfähig zu sein ein Kind zu bekommen.
Warum ist es so schlimm kinderlos zu sein?
Frauen wachsen mit der Erwartung auf, dass sie eines Tages ein Kind haben werden. Sie machen sich Gedanken über sich in der künftigen Mutterrolle seit sie mit Puppen gespielt haben. Es kann sogar sein, dass eine Frau sich solange nicht als vollständiger Teil der Gesellschaft fühlt, bis sie schwanger ist. Wenn Ina daran denkt, dass sie kein Kind haben kann, so fühlt sie sich wie “ein defektes Werkzeug”. Kein Kind zu haben ist buchstäblich eine Angelegenheit von Leben und Tod. In der Bibel ist Rachel unfruchtbar. Sie sagte zu Jakob “Gib mir Kinder oder ich werde sterben…” (Genesis 30:1). Manche interpretieren dies so, dass Eine ohne Kinder praktisch tot sei. So stark sind die Gefühle, die mit Unfruchtbarkeit verbunden sind, dass die Person sich wie tot, zumindest wert- und nutzlos fühlt. Der eigene Körper verliert eine seiner wichtigsten Funktionen. Jedes Tier ist in der Lage sich fortzupflanzen. „Warum nicht auch ich?“ fragt sich Ina so oft.
Schlimmer noch, sie ist sich nicht wirklich sicher, dass sie niemals Kinder haben wird. Das grausamste jedoch was man jemanden antun kann ist es, Hoffnung zu wecken, ohne dass diese sich erfüllt.
Was kann die moderne Medizin unfruchtbaren Frauen anbieten?
Im letzten Jahrzehnt hat die Reproduktionsmedizin großartige Fortschritte gemacht, sodass Frauen, die in der Vergangenheit niemals Kinder gehabt hätten, jetzt schwanger werden können. Der Einsatz von Hormon-Medikamenten kann die Anzahl und Größe der Eizellen, die eine Frau produziert, steigern und steigert so auch die Chancen auf eine Befruchtung. Bei der “in vitro Fertilisation”-Technik (IVF) werden der Frau die Eizellen operativ entnommen und im Reagenzglas mit dem männlichen Sperma zusammengebracht, wo es zu einem natürlichen Befruchtungsvorgang kommt. Der Embryo wird dann nach wenigen Tagen zurück in die Gebärmutter der Frau transferiert. Es gibt noch viele weitere Optionen. Trotz der Hoffnung die diese Technologien bietet, ist es hart diesen Weg zu gehen. Manche high-tech-Prozeduren werden nur an wenigen Orten angeboten, die Ina dazu zwingen werden regelmäßig weite Wege zu fahren. Wenn sich an ihrer momentanen Situation nichts ändert, wird sie sogar ins Ausland fahren müssen. Es müssen wiederholte Arztbesuche, tägliche Spritzen, veränderte Arbeitszeiten um die verschiedenen Prozeduren zeitlich unterzubringen, ausgehalten werden. Schließlich müssen beträchtliche finanzielle Summen aufgebracht werden. Geld, das nicht von der Krankenversicherung erstattet wird. All diesem ist eine ganze Anzahl von diagnostischen Untersuchungen vorangegangen, die beschämend, weil sehr intim und schmerzhaft zugleich sein können. Ina ist bereit das alles auf sich zu nehmen.
Nach jedem medizinischen Versuch schwanger zu werden, müsste Ina das Warteschleifenspiel spielen. Dabei wechseln sich Phasen voller Optimismus mit verzweifeltem Pessimismus ab. Es ist eine emotionale Achterbahnfahrt über zwei Wochen hinweg. Sie wird nicht wissen, ob ihre geschwollenen Brüste ein Schwangerschaftszeichen oder ein Nebeneffekt der Medikamente sind. Wenn sie eine Spur von Blut auf Ihrer Unterwäsche fände, wüsste sie nicht, ob sich gerade der Embryo einnistet oder ihre Periode beginnt. Wenn sie nach einer IVF-Prozedur nicht schwanger wird, kann es sein, dass sie sich wie nach einer Fehlgeburt fühlt. Sie sorgt sich um ein Leben, das noch gar nicht existiert aber in ihren Gedanken schon vorhanden ist und muss dessen Verlust erleben.
Während sie versucht mit dem Tumult der Gefühle fertig zu werden, wird sie zu einer Party mit Kindern und schwangeren Frauen oder auch einer Taufe eingeladen. Sie erfährt, dass eine Freundin oder Kollegin schwanger ist oder sie liest, dass ein Ein-Tage-altes-Baby in einem Mülleimer gefunden wurde. Kannst du dir ihren Neid und ihre Wut über die Ungerechtigkeit des Lebens vorstellen? Da die Unfruchtbarkeit nahezu jede Facette ihres Lebens durchdringt ist es ein Wunder, dass sie an ihrem unerfüllten Kinderwunsch nicht zerbricht.
Wenn du mit Ina sprichst, versuche dich in die Belastungen die auf ihren Gedanken und auf ihrem Herzen liegen einzufühlen. Sie weiß, dass du dich um sie sorgst und eventuell benötigt sie das Gespräch mit dir über ihre schwere Prüfung. Aber sie weiß auch, dass es nichts gibt, das du sagen könntest damit sie sich besser fühlt und sie fürchtet sich, dass du ihr einen Vorschlag machst, der sie nur noch mehr verzweifeln lässt.
Problematische Situationen:
Ein gewöhnliches Zimmer kann für einen Blinden ein Hinderniskurs sein. Genauso kann der Alltag voll von Gefahren für eine Frau mit unerfülltem Kinderwunsch sein. Gefahren, die für Frauen mit Kindern nicht existieren. Sie geht zu einer Geburtstagsfeier. Eine Frau stillt dort ihr Baby. Die Männer reden über Fußball, während die Frauen über Kinderprobleme reden. Sie fühlt sich ausgegrenzt und kann nirgends mitreden.
Weihnachten ist ein Beispiel für die vielen Feiertage, die für sie besonders schwierig sind. Feiertage markieren den Fortgang der Zeit. Sie erinnert sich, was sie sich letztes Weihnachten vorgestellt hat - dass sie im kommenden Jahr ihrer Familie einen Sohn oder eine Tochter als neues Familienmitglied präsentieren wird. Genauso wie am Weihnachtsfest davor und am Weihnachtsfest davor…
Jeder Feiertag stellt seine eigene einzigartige Belastung für ungewollt kinderlose Frauen dar. Valentinstag erinnert sie an ihre Romanze und Liebe, - und an die Familie, die sie so gerne gründen wollte, aber unfähig dazu war. Muttertag - Vatertag? Die Schwierigkeiten sind offensichtlich.
Alltägliches, wie ein Weg die Straße runter oder der Gang zum Einkaufen, sind mit Minen gepflastert. Frauen zu sehen, die Kinderwagen und Buggys schieben, kratzt an ihren Nerven. Beim Fernsehen, wird Ina mit Werbungen für Windeln, Säuglingsnahrung und Schwangerschaftstests bombardiert.
Auf einer Party fragt jemand wie lange sie schon mit ihrem Partner zusammen ist und wann sie Kinder haben wird. Sie möchte davon laufen, kann aber nicht. Falls sie über ihren unerfüllten Kinderwunsch spricht, erhält sie die freundlichen, gut gemeinten Ratschläge, die sie nicht braucht: “Denk an was anderes”, “Keine Angst, es wird bald klappen”, „Sieh das nicht so verbissen“ oder “Ein Leben ohne Kinder hat auch seine Vorteile”. Nach solchen Kommentaren möchte sie sich nur noch unters nächste Sofa verkriechen um dort zu sterben.
Die Flucht in Arbeit und Karriere ist auch nicht möglich. Sie wird Schwierigkeiten haben, Energie in ihre Karriere zu investieren, während sie monatlich die Scherben ihrer Träume zusammenkehrt. Um sie herum werden Kolleginnen schwanger. Zu einer Baby-Party zu gehen ist schmerzhaft - so distanziert sie sich mehr und mehr von den Kollegen.
Was soll werden?
Weil sie ungewollt kinderlos ist, ist das Leben extrem stressig für Ina. Sie gibt ihr bestes um damit fertig zu werden. Bitte versteh das. Manchmal ist sie depressiv. Manchmal ist sie ärgerlich. Manchmal ist sie körperlich und seelisch erschöpft. Sie wird nie mehr die alte Ina sein, die sie versucht zu sein. Sie würde gern viele Dinge nicht tun, die sie tut und umgekehrt.
Sie hat keine Ahnung ob und wann es überhaupt eine Lösung für ihr Problem gibt. Sie wird ein finanzielles und emotionales Wagnis auf sich nehmen - mit einer geringen Wahrscheinlichkeit auf Erfolg. Insgesamt sind nur 11 Prozent aller Frauen die eine Kinderwunschbehandlung beginnen erfolgreich, indem sie ein Kind bekommen. Für Frauen über 40 sind die Chancen noch geringer.
Vielleicht wird Ina eines Tages erfolgreich sein. Vielleicht wird sie es auch aufgeben, eine Alternative suchen oder sie findet einen Weg in ein erfülltes Leben ohne Kinder. Im Moment weiß sie nicht was kommen wird. Sie lebt von einem Tag zum nächsten. Sie weiß nicht, warum dies ihr Los ist, niemand weiß dies. Alles was sie weiß, ist die schreckliche Seelenqual, die sie jeden Tag erlebt.
Was kannst du für Ina tun?
Du kannst ihr deine Unterstützung geben ohne ihre Gefühle in Frage zu stellen oder sie für irgendeinen Schritt zu kritisieren, den sie unternimmt - z.B. die Ablehnung einer Patenschaft für einen Neffen, um sich selbst vor einem emotionalen Trauma zu schützen. Du kannst ihr zum Beispiel dies sagen: Ich sorge mich um Dich. Nachdem ich den Brief gelesen habe kann ich besser verstehen, wie schwer es für Dich sein muss. Ich wünschte, ich könnte helfen. Ich bin da um Dir zuzuhören und um mit Dir zu weinen, wenn Du weinen möchtest. Ich bin da um Dich aufzurichten wenn Du fühlst als gäbe es keine Hoffnung mehr. Du kannst mit mir reden. Ich interessiere mich für Dich. Â
Zweifel nicht den Weg an, den sie geht. Es geht nicht um den richtigen Weg, es geht darum überhaupt einen Weg aus dieser furchtbaren Krise zu finden, wie immer er aussehen mag. Dieser Weg kann sich immer wieder verändern und über Jahre hinziehen. Evtl. solange, bis Ina in einem Alter ist, in dem sie zu alt für eine Mutterschaft sein wird. Vielleicht wird sich Ina’s Bereitschaft über ihre Situation zu sprechen im Laufe der Zeit auch ändern. Meistens fühlt sie sich unverstanden und hat Angst sich ständig rechtfertigen zu müssen, so dass sie darauf mit Schweigen reagiert. Akzeptiere auch dies genauso wie die Möglichkeit, dass sie sich zeitweise vor Dir zurückziehen wird oder nicht zu Familienfeiern erscheinen möchte. Nimm dies nicht persönlich. Manchmal ist es für sie zu schmerzvoll, vor Augen zu haben, was sie sich so sehr wünscht, aber nicht haben kann.
Das allerwichtigste ist, nicht zu vergessen, dass Ina verwirrt und sehr beunruhigt ist. Höre was sie zu sagen hat, aber verurteile sie nicht. Verharmlose ihre Gefühle nicht. Versuche nicht vorzutäuschen, dass alles gut werden wird. Treib sie nicht in den Wahnsinn mit Aussagen wie “Was geschehen soll, wird geschehen”. Wenn dies wirklich der Fall wäre, wozu sollte sie dann noch mit medizinischen Mitteln versuchen etwas zu vollenden was der Natur nicht gelingt. Deine Bereitschaft zuzuhören kann eine große Hilfe sein. Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch fühlen sich von anderen Menschen isoliert. Deine Fähigkeit zuzuhören und sie zu unterstützen werden ihr helfen den Stress auszuhalten. Ihr unerfüllter Kinderwunsch ist eine der schwierigsten Situationen die sie je zu bewältigen haben wird.Â
Bitte kümmere dich um sie. Bitte geh sensibel mit ihrer Lebenssituation um. Gib ihr deine Unterstützung - sie braucht sie - und sie wünscht sie sich.