Von der Stute gebissen

Ich brauche Passbilder. Naja, eher so Portrait-Dinger, die nicht in einen Ausweis sollen, sondern für andere wichtige berufliche Unternehmungen gedacht sind. Bis übermorgen. Das weiß ich seit drei Wochen. Erst hatte ich keine Lust. Man schiebt ja gerne alles hin, drei Wochen sind ja ne ganz schön lange Zeit.

Woche zwei war etwas verheult. So lasse ich mich selbstverständlich nicht ablichten.

Woche drei begann am Montag. Weit weg von Freitag. Dienstag hatte ich mit krankenpflegerischen Tätigkeiten zu tun.

Heute nacht habe ich davon geträumt, dass mir in zwei Tagen diverse Pistolen auf die Brust gesetzt werden, wegen mal wieder fehlendem Bild.

Deswegen sah ich heute morgen aus wie einmal durch den Fleischwolf gedreht. Ein guter Tag, um Nägel mit Köppen zu machen. Der einzige, der Zeit für diesen Schnickschnack bot.
Es gibt hier eine einzige Adresse, die Passbilder-To-Go fabriziert. Fast nebenan. Mit angeschlossener Parfümerie.

Erst habe ich mir ein Parfum gekauft. Das war auch tatsächlich der einzige Grund, weshalb ich mich in diesen ominösen Laden reingetraut habe. Dann habe ich mich vor den himmelblauen Hintergrund gesetzt. Farblich passend zu meinem Oberteil, das war nämlich auch himmelblau. Ich verschmolz quasi mit der hinter mir stehenden Wand. Toll.
Die Parfümerie-Fachverkäuferin war sehr charmant. Sie sah sich mit mir zusammen die Bilder an, die sie zuvor mit der gleichen Kamera aufgenommen hatte, die auch bei uns zu Hause rumliegt.

Anscheinend hatte nicht nur ich heute schlecht geträumt. Sie sagte mir nämlich:

“Sie haben ganz schöne Augenringe.”

“Nächstes Mal ziehen sie sich bitte etwas farbenfroheres an, am besten mit Kragen, V-Ausschnitt sieht zu lässig aus.”

Und mit dem letzten konstruktiven Hinweis hatte sie mich dann endgültig am Boden:

“Sie haben zu viele Haare, die passen nicht auf das Bild.”

So. Was soll man dazu sagen? Da bleibt einem doch jegliches professionelle Grinsen im Halse stecken.

Mittags saß ich vollkommen angefressen beim kranken T., habe ihn mit schlechter Laune belästigt, meine Haare erfolglos plattgedrückt und dann beschlossen, dass die besten Portraits immer noch und seit jeher mein Herr Erzeuger fabriziert hat.

Und obwohl Pensionäre ja eigentlich nie Zeit haben, hat er tatsächlich die Zeit gefunden, mich erstens zu fotografieren, mir zweitens zu versichern, dass man nicht genug Haare auf dem Kopf haben kann und mir drittens 50 Fotos mit nach Hause zu geben, die wir soeben auf ein Minimum reduziert haben und die morgen von meinem Gatten professionell auf Fotopapier geworfen werden.

Blöde Schnepfe. Ich find mich gerade ziemlich gut. Und den Duft habe ich mir gottlob selbst ausgesucht. Frau Neunmalklug hätte mich wahrscheinlich mit “Old Spice” nach Hause geschickt.




8 Kommentare to “Von der Stute gebissen”

  1. January schreibt:

    Nicht ärgern lassen. Manche Leute sind einfach blöd!
    Mich fragten neulich zwei Schülerinnen: Frau …, finden Sie sich eigentlich attraktiv? Ich: Ja, meistens. Eine der beiden hinter meinem Rücken zu der anderen: Ist ja lustig. Beide kichern.
    Ich sagte ja schon, manche Menschen sind halt blöd.
    Ganz liebe Grüße von January, die sich auch mit Augenringen und im Moment mit Menspickeln ganz ansehnlich findet. So, jetzt erst recht. ;-)

  2. Lectorix schreibt:

    Zu viele Haare? :-) Meine Güte, du wirst doch nicht deine Haare auf das Doppelte deiner Gesichtslänge toupiert haben, oder *lol* Dumme Nuss, die Frau…

  3. Sheepchen schreibt:

    Was ist denn an OLD SPICE schlecht? Jemand mit blauem V- Ausschnitt T- Shirt und “zu vielen” Haaren, kann das gar nicht beurteilen ;-)
    LG Schäfchen

  4. Tante Heinz schreibt:

    Nix toupiert. Die sind einfach so. Alles das, was T. an Haaren verliert, siedelt sich bei mir auf dem Kopf an.

  5. Kunstkoma schreibt:

    Jetzt wüsste ich aber auch zu gerne, was Du für eine Frisur hast. *g*

    LG, Ina

  6. Tante Heinz schreibt:

    Naja. Nix extravagantes. Lang und lockig.

    Damit ist man hier anscheinend überfordert. Denn normalerweise lässt man sich als Frau die Haare mit Mitte zwanzig abschneiden, färben und bevorzugt eine Kaltwelle. Dann ist man nämlich verheiratet, hat mindestens ein Kind und muss auf so’n Schnickschnack wie gutes Aussehen keinen Wert mehr legen.

    Gott, was bin ich heute schlecht gelaunt. Alle Frauen, die in diese Schublade nicht ‘reinpassen, mögen mir verzeihen.

  7. Lonly Lovegood schreibt:

    Eigentlich sollte man sich nach dem Fotografen-Besuch sau gut fühlen. Schande über die gut duftende aber wenig einfühlsame Konkurenz, bei denen ich zum Glück abgelehnt habe zu arbeiten.

    Viele Haare sind doch ein Traum für jeden Fotografen.

    Liebe Grüße von Bärbel, mit den vielen Haaren auf dem Kopf

  8. Tante Heinz schreibt:

    Harhar. Demnächst komme ich bei Dir vorbei, Frau Bärbel.
    Höchstwahrscheinlich würde das amüsanter, als in der Klitsche, die ich besucht habe.
    Ich vermute mal, die haben so’n Kompaktkurs “Fotografieren für Parfümeriefachverkäuferinnen leicht gemacht” abgelegt.
    Und da standen Problemköpfe einfach nicht im Kursprogramm.

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