Bisher hatte ich immer nur von C. gehört. Er war schließlich nicht vor Ort, sondern trieb sich in Südeuropa rum. Nun ist er also zurück.
Der Humor passt, und in der Birne hat er auch was. Sein Hund gehört zu den coolen Exemplaren. Selbst die feige schwarze Katze sucht Kontakt zu ihm (…das erstaunt mich wirklich sehr…. und er scheint ihre Sprache zu verstehen, denn er zeigt Respekt durch Rückzug, wenn sie ihn anfaucht… )
Seine Freundin ist nett. Redet mich zwar in Grund und Boden, aber vielleicht gibt sich das ja noch. Außerdem hat sie auf unsere Kinderwunschgeschichte fast schon professionell reagiert. Trifft man auch selten.
So. Jetzt zum dramatischen Teil dieses Blogs:
Das Grauen hat einen Namen und ebendiese Seuche wurde in unseren Haushalt eingebracht. Quasi als Direktimport aus Espania: C. spielt World of Warcraft.
Also dieses seltsame Spiel, für das man monatlich 12 Tacken hinblättert, um dann mit 8 Millionen anderen Bekloppten aus dem deutschsprachigen Raum und zig Millionen anderen Menschen der Erde gemeinsam Wildschweine und Orks niedermetzeln zu dürfen.
Man lernt gar einen Beruf. Mannomann, das ganze bietet echte Perspektiven. Zumindest einer Perspektive bin ich mir sehr sicher: Das Spiel besitzt kein Ende. Gelddruckmaschine. Wieso komme ich nie auf solch grandiose Ideen?
Tag 1: C. will T. davon überzeugen, er müsse das mal ausprobieren, T. bleibt standhaft (…Natürlich… Ich saß daneben…
und erklärt, er habe keine Zeit dafür. (Bravo. Stimmt nämlich. Wir haben immer noch keine Lampe im Büro, die Garage sieht aus, wie Kraut und Rüben, der Keller ebenso, diverse versprochene Tätigkeiten in meiner Praxis haben seit vier Monaten noch nicht stattgefunden, der Wasserschaden ist immer noch nicht geklärt, weil mein Mann es nicht zum Elektriker schafft, und wenn ich diese Aufzählung jetzt nicht beende, wird mir wieder übel… )
Tag 2: Die beiden Männer sitzen vor dem PC. C. kommt in die Küche.
Tante Heinz: “Na, Herr C.? Alles fit? Was macht ihr denn da drüben eigentlich?”
Herr C.: “T. lädt sich gerade den kostenlosen 10tägigen Probeaccount herunter.”
Tante Heinz: “Bist Du bescheuert, Gatte?”
Gatte: “Kein Problem, nur ausprobieren…”
Hmhm. Ausprobieren. Jaja. 10 Tage hintereinander, das kann ja heiter werden.
C. merkt, dass er in ein Wespennest gestochen hat, findet das jedoch vollkommen in Ordnung.
Zwei Tage passiert nichts. T. philosophiert darüber, dass das Spiel nichts für ihn ist.
Ich bin beruhigt. Ich kenne T.’s Anfälligkeit für derartige Spiele. Da gibt es keine gemeinsame Freizeitgestaltung mehr. Wenn, dann nur durch mich vorgeschlagene; die stellen nur eine kurze Unterbrechung des Spielvergnügens dar und sind mit viel Glück durch ständiges Bohren meinerseits zu erreichen.
Und die Installation der Seuche auf unserem PC hat mich - gelinde gesagt - nun doch etwas beunruhigt.
Fassen wir unser gemeinsames Zeitkontingent mal zusammen: In der Woche ab 20:00 und über den Daumen gepeilt das halbe Wochenende. Und das ist für mich eine echte Kostbarkeit.
Freitag abend. Ich gehe ins Bett.
T. macht sich bereit. Er muss endlich mal ausprobieren, was C. ihm da schmackhaft machen will.
Die Sonne geht auf (…virtuell und real….) und T. schwankt ins Bett.
Samstagmorgen wird er durch mich geweckt. Einkaufen ist sein Ressort. Testosteron-Spritzen gibt’s nur bis 12, dann macht Apotheke dicht. Hätte ich ihn nicht geweckt, hätte er am Montag ein echtes Problem gehabt.
T. kommt zurück, erzählt mir, dass er sich beim örtlichen Plattendealer nach den Bezahlmodalitäten für die Seuche erkundigt hat.
Alarmglöckchen klingeln - noch ganz leise - in Tantchens Kopf. Schließlich habe ich ihm gestern nochmal klargemacht, dass ich ehrliche Angst vor einem zeitfressenden PC-Vergnügen seinerseits habe. Hatten wir schon mal. Ging richtig in die Hose. Magengeschwüre kommen nicht aus dem Nichts.
Okay. T. hat seine Pflichten erledigt. Der Einkauf ist getätigt. Noch ein bisschen abgewartet und dann ab vor den PC.
Ich setze mich daneben. Will mich unterhalten, kriege keine klaren Antworten. Stelle anscheinend doofe Fragen, die nur darauf zielen, ihm das Spiel madig zu machen. Stelle mich hinter ihn, falte Wäsche. Zwei Stunden sind inzwischen vergangen. Der große Meister C. ist online. Toll. Der kann meinem Gatten bei diversen dringlichen Problemen helfen. Und eine Gilde hat er auch, die T. herzlich einlädt. Super. Jetzt auch noch Gruppenzwang. Das Headset wird installiert.
Ich habe die Schnauze voll. Kriege ein fahriges “Bis gleich!” mit auf den Weg. Fahre zwei Stunden weg. Komme wieder. Der Mann sitzt da immer noch.
Ich bitte ihn, das aufgetaute Fleisch mittels Grill zu verarbeiten. Tut er. Aber bevor er auf den Balkon entfleucht, teilt er mir mit, dass er den Probeaccount in einen Vollaccount umwandeln wird.
So. Laune endgültig hinüber. Alle guten Vorsätze seinerseits anscheinend auch.
Tante Heinz richtig sauer. Kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt so wütend war. Vielleicht für viele - insbesondere C. - absolut unverständlich und Spielverderberei.
Aber ich muss nicht abwarten, um zu sehen, was passiert. Ich weiß, was passieren wird. Und zwar nicht, weil ich ne olle Unke bin, sondern weil wir das Thema schon durch haben.
Und jetzt bezahlen wir also auch noch Geld dafür. Das finde ich ganz besonders töfte.
Um dem ganzen noch die Krone aufzusetzen: T. ist richtig beleidigt, weil ich gerade dabei bin, ihm den Spaß und sein neuestes Hobby zu verbieten.
Ich habe Magenschmerzen. Kein Zeichen für Alarmglöckchen, sondern für richtig große Glocken.
So fühlt sich also richtig dicke Luft an. Hatte das Gefühl schon fast vergessen.