Wut tut gut
Da hatten wir uns so schön in unserem Loch eingeigelt. Vorgezogener Winterschlaf quasi. So traurige Existenzen kann man ja keinem zumuten. Wir sind lethargisch durch die Gegend gewankt und alles war blöd.
Und dann komme ich Mittwoch nach Hause und die 82-jährige Dame, die unter uns wohnt begrüßt mich mit den Worten: “Der Keller steht unter Wasser. Ziehen sie sich bitte Gummistiefel an, sonst kriegen sie nasse Strümpfe.”
Da ältere Damen zu Übertreibungen neigen, bin ich frohen Mutes (…denn ich war mir sicher, an unserer Waschmaschine lag es nicht. Schließlich bin ich die schlechteste Wäschewascherin der Welt, die das Gerät nur sonntags anschmeißt, wenn alle Wäschekörbe voll sind…
in den Keller gestiefelt, habe die Schuhe von mir geworfen, die Hose hochgekrempelt und musste ihr Recht geben.
Da war tatsächlich Wasser. Und zwar nicht zu knapp. Tropftropf. Irgendwo rauschte es ganz gefährlich. Nicht in unserem Keller. Der war nur nass. Toll, wenn man gerade umgezogen ist und diverse Kartons im Keller zwischengelagert hat, weil man zwischendurch einfach keine Zeit für solche Banalitäten hatte.
Ich meine, wir mussten uns seit unserem Umzug schließlich die Hoden filetieren und uns experimentell befruchten lassen. Da verschließt man gerne mal die Augen vor dem Grauen im Keller.
Gut. Nun war das Grauen doppelt vorhanden, da nass. Immerhin war das Puppenhaus, das mein Vater vor 30 Jahren für mich gebaut hatte, in der ersten Etage des Regals, also trocken. Dessen Wert kann man beim Versicherungsfuzzi in Euronen schlecht benennen.
Es rauschte eindeutig aus dem Keller des Vermieters. Und weil der ein Erbsenzähler ist und Angst hat, dass man ihm die alten Joghurtbecher von 1976 klaut, war die Tür abgeschlossen.
Originalton Vermieter: “Schöne Scheiße. Ich habe den Herrn vom Gas-Wasser-Dienst bestellt. Der müsste in dieser Minute ankommen. Aber aus Kostengründen komme ich heute nicht.”
“Herr L., ihre Tür ist abgeschlossen. Sollen wir die eintreten?”
“Neinnein, wissen Sie , die Herren vom Kundendienst, mit dem ich zusammenarbeite, haben immer einen Dietrich dabei. Die machen das schon.” (Herr L. erklärt mir immer so nett die Welt.)
Tante Heinz sitzt verdattert in der Küche. Unter ihr Frau E. kurz vor’m Nervenzusammenbruch. Denn deren Keller auch nass. Richtig nass, denn der Boden dort liegt noch tiefer als unserer.
Normalerweise hätte ich sagen sollen: “Herr L., sie fieser Möpp. Ich hatte vor, meine Woche weiterhin im Winterschlaf zu verbringen. Machen sie ihren Kram alleine und bewegen sie ihren Astralleib gefälligst in den stinkenden Keller. Denken sie an ihre Gummistiefel, machen sie das Licht aus, wenn sie fertig sind, und ehe ich’s vergesse: Sollten Sie mich wieder fragen, ob wir keine Kinder bekommen wollen, dann mache ich sie auf der Stelle kalt und betoniere ihre Leiche vor Ort ein.”
Bevor ich Morddrohungen ausspreche, muss ich mich vorher immer bei T. versichern, ob es gut ist, was ich vorhabe. Das ist erfahrungsgemäß ganz ratsam.
T. nahm sich einen Tag Urlaub und schwang sich ins Auto. Ich weiß nicht, um wen er mehr Angst hatte.
Da kam auch schon der Herr vom Wasserabstellkommando. Der hatte mit der Oma von unten gerechnet und war hocherfreut über ein etwas jüngeres Kaliber. Anscheinend hatte ich auch nicht mehr das Schild: “Achtung, Hormonmonster” vor der Brust kleben, denn er fand es ganz schick mit der barfüßigen Tante im Keller. Toll. Fand es schon immer erotisch, mit einem Fußfetischisten bei 6 cm Wasserhöhe zu plänkeln.
Als er aber statt des angekündigten Dietrichs einen gebogenen Nagel aus der Tasche zog, und damit im Schloss rumfuckelte, wurde ich ihm anscheinend zu besserwisserisch. Ich meine, wenn man Kalle Blomquist gelesen hat, dann macht man das nun wirklich geschickter.
Hatte er aber nicht. Und dann kam T. Also ich für meinen Teil erkannte ihn sofort. Schließlich rief er schon in der Haustür: “Mannomann, was macht ihr denn für eine Scheiße hier?!”
Tante Heinz: “Ach, wie schön, da kommt mein Mann!”
Wassermann: “Ihr Mann? Ach so.” Gewitterte Chance fehlangezeigt. Laune im Eimer. Arbeitsmoral ebenso.
Deswegen hat er die Tür auch erst recht nicht aufbekommen. Da erschien die Oma wie ein Engel mit einem Nachschlüssel in der Hand.
Hui. Ich wiederhole mich ungern, aber das war ganz schön nass im Vermieterkeller. Man stelle sich vor, ich hätte mal wieder bis Sonntag gewartet, um meine Wäsche zu waschen. Da hätte ich zur Waschmaschine tauchen können.
So. In Anbetracht der Tatsache, dass ich T. schlecht mit der Oma alleine lassen konnte, habe ich allen Klienten für den Nachmittag abgesagt und die Ärmel hochgekrempelt. Das Wasserwerk, das zwischenzeitlich aufgeschlagen war, hat den Schaden behoben, uns viel Freude gewünscht und ist abgedampft.
Mannomann. 30 Jahre alte Mäusegerippe, die sich hinter irgendwelchen Schränken versteckt haben, aus dem Keller zu flitschen, ist ein Mörderspaß. Nachahmenswert. Insbesondere nach einem negativen Schwangerschaftstest.
Im Ernst: Dieser Nachmittag hat mich gerettet. Schließlich konnte ich den ganzen Tag schimpfen wie ein Rohrspatz, mich im Dreck suhlen und zwischendurch ein bisschen mit T. in der Sonne knutschen.
Nebenbei haben wir bemerkt, dass die Oma von unten einen recht goldigen Humor hat (”Wie, der Vermieter kommt nicht? Der hat doch nicht alle Latten auf dem Dach.”
, alte nasse Teppiche stinken wie Sau und Mäuse gerne in alten Gartenstühlen wohnen.
Dann haben wir einstimmig beschlossen, dass wir uns mit 12,30 Öcken pro Stunde, die die Versicherung den armen Deppen bezahlt, die im Morast wühlen durften, nicht einverstanden erklären, und ich denke, dass unser Vermieter beim nächsten Mal selbst vor Ort sein wird, denn wir haben ihm eine Rechnung geschrieben. Für 12,30 hätte der nämlich früher das Haus gar nicht erst verlassen. Fatzke.
So. Und weil es mir plötzlich besser ging, habe ich beschlossen, ich stelle mich dann auch gleich dem Telefonat mit dem lieben Doktor, der uns zu einem Kind verhelfen will.
Anscheinend gehört so’n anschließendes Brainstorming dazu. Vor fünf Tagen habe ich T. noch gesagt, dass die mich alle mal kreuzweise können und ich mit gar niemandem mehr telefoniere. Mein ganzes Leben wollte ich nicht mehr mit Ärzten über meine Eierstöcke reden.
Dem Rohrbruch sei dank. Ich habe den Doc eben angerufen und bin da nun auch ganz froh drüber.
Die Essenz des Telefonats in Kürze:
1. Ganz schön schlechte Gewebeprobe, Frau Biologin hat drei Stunden nichts gefunden, hat dann irgendeine Zauberdroge in das Gewebe geträufelt und die berühmt-berüchtigten schwimmenden Spermatozoen herausgefischt. Fünf waren beweglich, eine ein ganz fauler Bruder.
2. Alle Etappenziele wider Erwarten erreicht. Das fanden wir beide ganz töfte. Alles toll. Tolle Blutwerte. Toller Fünfzeller. Toller T. Tolle Tante. Tolle Biologin. Toller Arzt. Toller Vertretungsarzt. Tolles Gonal.
3. Doc M. ist untröstlich. Ich fand mich seelisch recht gefestigt, aber ich hatte den Eindruck, er war’s nicht. Vielleicht findet er Telefonieren auch einfach blöd, denn normalerweise redet er flüssiger. Was ihn aber auch wieder ganz sympathisch macht.
4. Gewebeprobe zwei und drei warten auf uns, aber die Sorge einer Nichtbefruchtung können wir nicht umgehen. Ach… Das ist uns doch verhältnismäßig klar.
5. Die Buschtrommeln haben dem Hodenpapst direkt die erfolgreiche Befruchtung gemeldet und es scheint eine mittelgroße Party bei Schulzens im Laborkeller gegeben zu haben.
6. Schulze weiß jedoch noch nicht, dass die Party seit fünf Tagen zu Ende ist.
7. Dieser Punkt wird etwas länger.
Habe ihn auf das Polypen-Gekritzel auf dem Behandlungsbogen angesprochen. Er hat einen gesehen. Er nannte es Gewebeverdichtung. Der Vertretungsarzt hat ihn unabhängig von ihm auch gesehen. Komischerweise genau dort, wo ihn auch schon Minden gesehen hatte.
Sehr komisch finden wir beide allerdings, dass bei der Gebärmutterspiegelung im Dezember anscheinend alles in Ordnung war. Und deswegen hat er den Versuch auch nicht abgebrochen, weil er davon ausgeht, dass die in Bad O. gute Arbeit geleistet haben. Alternative wäre gewesen, den Fünfzeller einzufrieren. Mit dem Risiko, dass er nicht aufwacht.
Ich soll nun nochmal meine Hausfrauenärztin nachschauen lassen. Wenn die da auch noch was sieht, darf ich nochmal unter’s Messer.
Und dann wird nochmal “vernünftig nachgeschaut”.
Na, da bin ich doch auch für. Mich wundert im Nachhinein gar nichts. Schließlich ist meine OP damals versehentlich auf einen Freitag gelegt worden, an dem gar nicht operiert werden sollte. Aber Tante Heinz stand ja vor der Tür und war privat versichert, weswegen man sie dann doch nicht weggeschickt hat. Theoretisch könnte es also sein, dass man eben nur ein bisschen schneller als sonst ausgeschabt hat und den Corpus polypus delictus übersehen hat.
Kann ja mal vorkommen.
8. Er hatte sich gedacht, er bezieht mich in die “Brechen wir den Versuch vielleicht ab” - Überlegungen nicht mit ein, um mich nicht aus der Ruhe zu bringen. Da habe ich ihm meinen ehrlichen Dank für ausgesprochen. (Und das völlig ohne Ironie, ich schwöre.)
9. Wurde zu einer dreimonatigen Pause verdonnert. Habe ihm gesagt, dass die Pause länger wird, es sei denn, ich liege zwischendurch zur Hokuspokus-Polypen-OP mit anschließendem kleinen Plausch auf seinem Stuhl. Schließlich müssen wir für den nächsten Fünfzeller noch ne ausgedehnte Sparrunde einlegen.
10. Das Telefonat war im Nachhinein betrachtet doch ganz wichtig, denn jetzt ist der Versuch im Kopf abgeschlossen.
Manchmal plagen mich noch ganz dunkle Gedanken, aber ich denke einfach mal, das ist normal so. Schlimm fand ich auch die Tatsache, dass alle Eingeweihten ganz furchtbar traurig waren. Das hätte ich mir so nicht vorgestellt. Aber insbesondere unsere Mütter haben diverse Tränchen für uns mitgeweint.
Morgen fahren wir zu meiner Schwester, die sich ein Ablenkungsprogramm für uns ausgedacht hat. Außerdem müssen die Schweine wieder in die Heimat transportiert werden, denn sie werden arg vermisst. Ich fand sie ideal, um mich abzulenken. Aber jetzt ist auch gut. Kann kein Heu mehr sehen. Beim nächsten Versuch werde ich sie allerdings direkt wieder einbestellen. Dann bekommen sie den letzten Schliff und bringen uns Frühstück ans Bett. Singend.
Freitag, 27 Juli 2007 um 3:11 nachmittags
Liebe Tante Heinz,
wie schön, das Du Dich mal gemeldet hast, ich habe doch viel an Euch gedacht. Schön, das Du schon wieder so gut drauf bist, meine Hochachtung dafür, ganz ehrlich.
Die Sache mit dem Keller ist ja saudoof….tut mir schrecklich leid.
So ein Nachgespräch ist immer nicht schlecht….ich habe meine immer noch nicht gemacht…ich mag da einfach nicht mehr dran denken. Hat doch eh alles wenig bis gar keinen Sinn.
Ich drücke Euch ganz feste….gehe jetzt zum Sport und versuche mr ein paar Bonuspoints zu erarbeiten mit Pilates und dann noch 50 Minuten Ausdauer.
Freitag, 27 Juli 2007 um 3:15 nachmittags
Huhu, Frau Schweden,
die Sache mit dem Keller war eigentlich das einzig Richtige. Denn in Mörderstimmung - heute immer noch, denn wie viel wir jetzt eigentlich für den Schaden bekommen, stellt sich erst am Montag heraus, und bei vielen Dingen ist es eher ein ideeller Wert - lässt es sich besser telefonieren.
Viele liebe Grüße,
Dein Tantchen
Freitag, 27 Juli 2007 um 6:32 nachmittags
Liebe Tante,
ich lese deinen Blog schon ganz schön lange und wollte eigentlich erst Hallo sagen, wenns geklappt hat
. Aber ich wollte dir mal ein Kompliment machen: Du schreibst ganz toll! (und vor allem so richtig..
)
Lg maike
Samstag, 28 Juli 2007 um 4:25 nachmittags
Hallo Tante,
Ich freue mich sehr, dass du wieder schreibst.. Bin also dem Vermieter doch ein bisschen dankbar, dass er dich da rausgeholt hat..
LG Schäfchen
Montag, 30 Juli 2007 um 7:05 vormittags
Hallo Ihr beiden,
ich bestätige euch hiermit, dass so ein Gespräch gut ist zum Abschliessen. Wir haben die auch immer gebraucht. Das ein oder andere Tief kommt zwar trotzedem noch manchmal, aber die sind nicht mehr so schlimm wie das tiefe schwarze Loch von vor diesem Gespräch.
Ich wünsche euch eine schöne Pause, auch wenn diese finanzielle Gründe hat. Ich fange auch gerade an diese Zeit zu geniessen, auch wenn im Hinterkopf das Ziel steht weiter zu Kämpfen.
Ich hoffe allerdings, dass ihr von weiteren Katastrophen jeglicher Art verschont bleibt!
LG Anni
Donnerstag, 2 August 2007 um 12:11 nachmittags
Na Tantchen, das war aber mal ein Tag… Puhhhh, wenn der Rohrbruch wenigstens für den Abschluss des Versuchs gut war, dann ist’s ja fein. Das ist übrigens der erste wirkliche Grund für einen Wasserrohrbruch, den ich je gehört habe
Und igitt… Mäusewasserleichen… Ich fand schon die schlimm genug, die wir beim Umzug aus unserer letzten Wohnung im Keller fanden und die waren nur knochentrocken und fast skelettiert, aber so… ihhhhhhh…