Partytime

Wenn mir vor 10 Jahren einer erzählt hätte, dass ich mich einmal freiwillig unters Messer lege, damit
mir die Hoden filetiert werden, ich hätte sofort nach dem Stöffchen verlangt, das mein Gegenüber
scheinbar intus hat…

Heute ist es erstmals so, dass ich nicht permanent das Gefühl habe, dass ein sehr zorniges Muli seine
Hufe zwischen meinen Beinen platziert hat und auch das der Schwerkraft zugewiesene Ziehen ist
einigermaßen akzeptabel, sodass ich nun eine (..verm. höchst amüsant ausschauende) Sitzposition
eingenommen habe, um ein wenig zu bloggen!

Wie auch schon von TH beschrieben, bin ich das Thema angegangen, indem ich mich nach der Entscheidung zum “Schnitt” jeden weiteren Gedankens verwehrt habe, da mir jeder tiefschürfende Gedanke zum Akt an sich höchstes Ungemach bereitet hat, getreu dem Motto “Augen zu und durch”.

Wir sind also morgens in aller Herrgottsfrühe gen Hamburg losgezogen um deutlich zu früh dort
einzutreffen. Aber es musste einkalkuliert werden, dass wir ggf. in Skt. Georg rauskommen oder noch
weiter neben dem eigentlichen Ziel. Aber wir sind “straight” am Zielort eingeschlagen.

Ähnlich eingeschlagen ist dann auch das Gespräch mit der Ärztin, die uns die befremdliche Diagnose
“Klinefelter” übermitteln durfte. Die Frage, ob ich denn nun doch den “Schnitt” wagen würde, empfand
ich als ziemlich unnötig. Zum einen dient eine Hodenbiopsie der Krebsvorsorge, zum Anderen wollte ich
Klarheit über meine etwaige Fortpflanzungsfähigkeit. Also warum sollte ich wieder nach Hause fahren?
Zumal ich mich bereits in einer gemütstechnischen Grauzone befand, in welcher ich durchaus auch einen Bungeesprung vom Michel gewagt hätte….(ich hasse Bungee!)

Sämtliche aus der Diagnose resultierenden Werte habe ich nicht mal ansatzweise in meine Nähe kommen lassen und erst jetzt sickern diese Resultate langsam aber sicher durch, so dass mir die Tragweite “step by step” bewusst wird. Als die Ärztin fragte, wie ich denn damit umgehen würde, da viele ein großes Problem mit dieser Diagnose haben und sich verschämt verkriechen, damit die Umwelt möglichst nichts vom Befund mitbekommt, habe ich der netten Dame gleich klargemacht, dass ich nicht bereit bin, über diese Angelegenheit zu schweigen! Das ist ein Tabu? Aha! Dann wird es Zeit, dass da mal jemand die Posaune bläst!
Also ich werde mich keinesfalls hinterm Ofen verkriechen und das Deckmäntelchen des Schweigens darüber ausbreiten!! Der Krankenkasse werde ich mal ordentlich auf die Pelle rücken und wenn das nichts hilft, der örtlichen Politik. Und wenn das auch nichts hilft, wende ich mich an die Medien. Und wenn das auch nichts hilft, fällt mir sicherlich was ein. Aber Schweigen werde ich nicht!

Nachmittags haben wir dann den Hagenbeck besucht, 30 Flocken Eintritt gelöhnt und hatten dann einen Tierpark mit ca. 100 weit gestreuten anderen Besuchern “für uns allein”! Alle Viecher haben Sondervorstellungen “nur für uns” abgeliefert (Zb. Elefanten mit Tanzeinlagen, Otter, Maras und vor
allem die Pinguine, Seebären und Affen), als wenn die uns zeigen wollten, dass alles “easy” ist.
Abends haben wir dann im Hotel gespeist, ich habe die neu ausgeschriebene Nichtraucherzone im
Restaurant gekippt (plötzlich haben alle geraucht… ;) und anschließend versucht die Nacht zu
überbrücken. Entgegen der Vorstellung habe ich besser gepennt als Tantchen. Und das, obwohl die Betten höchst fragwürdig waren…! Neue Matratzen seit Sept. 2006! Einfach drauf auf die alten! Wackelig und viel zu weich das! Tz tz tz…!

Am nächsten morgen dann gleich los. Die gemütstechnische Grauzone ist einer kompletten Nebelbank
gewichen und ich habe mich erstmals gefragt, ob ich noch Herr meiner Selbst bin! Hodenbiopsie! Brrrr!
Nach einigem Gehampel und 5 Minuten zu spät haben wir den Ort des Grauens gefunden und der “Point of no return” war mit Einnahme der “Scheißegaltablette” überschritten.
Hätte nicht gedacht, dass dieses “Klümpchen” bei mir wirkt. Habe schließlich früher viel gefeiert!!
Dass sie wirkt wurde mir dann klar, als es mir scheißegal war, ob sie wirkt…
Schwester “B” hat mich dann mit meinem schicken OP-Hemdchen im Rolli ins OP gekarrt, “Schwester Felix” hat mich auf dem Tisch festgeschnallt und anschließend stellte sich der 2te Arzt vor:

“Guten Morgen Herr T., ich bin Dr. Ungemach!”
…Ich könnte schwören, dass ich das so gehört habe, aber ich war auf Pille, weshalb ich da auch
falsch liegen kann…
“Dr. Ungemach”, na super!
Dr. Ungemach hat dann 4 leckere Spritzchen in meinem Hoden versenkt und für das Gefühl fehlen mir auch ohne Pille alle Worte…aber er macht dem Namen alle Ehre!

Einige Zeit später erschien dann noch ein grünes Männchen: “Hallo Herr T., ich bins, Prof. Dr.
Schulze! Ich habe mich etwas verkleidet!”

Okay, die feiern hier ne Party und ich bin die Show. Hoffentlich bin ich der einzige auf Pille…

Kurz darauf erschienen noch zwei grüne Gestalten, die sich als Studentinnen der Medizin entpuppten und Zuschauer waren. Doc Schulze hat die Damen dann so positioniert, dass ich die nicht mehr sehen konnte und dafür hätte ich Ihm vor Freude am liebsten ein Bier angeboten. Aber letztendlich waren mir die Hühnchen dann doch ziemlich schnuppe.
Während die beiden Herren dann gewaltig in meinem Lendenbereich “rumgezergelt” haben, wurden die
beiden Damen auf Ihre Kenntnisse des menschlichen Körpers hin abgeklopft und einige Male (zu meiner
diebischen Freude) deutlich zurechtgewiesen. “Das ist der Muskel ladingsbums und der setzt sich fort
an?” Püppi 1 antwortet wichtig irgendwas. “Falsch!” Seidenweiche aber deutliche Erklärung des Profs.
Berauschte Freude beim Patienten!

Irgendwann war die Party dann vorbei und ich wieder bei Tantchen, die mich sofort mit Futter und
Kaffee umsorgte. Die Wartezeit war unbeschreiblich. Mir war es drogenbedingt noch ziemlich wurscht.
Eigentlich wollte ich nur pennen. Immer wenn ich dann weggenickt bin, haben die Damen draußen auf
Blech geklopft. Scheinbar finden die Pennen nach einer OP doof.

Im Übrigen hatten wir ein Einzelzimmer. Was einerseits gut war, zum Anderen uns aber auch kräftig auf
der Seele drückte.
Nach einer ziemlich langen Zeit erschien dann der Godfather himself (nein, nicht Frank Zappa - so toll
war die Pille dann doch nicht!)Es war der Prof. Mit einem niedlichen blauen Körbchen!

“Herr T.-Klinefelter!” Sehr böser Blick von Tantchen!

“Das war ein guter Tag heute. Positive Ergebnisse bei den Anderen Patienten! Und auch bei Ihnen! Ich
habe in jeder Probe Spermien gefunden und sogar sehr gute! Wenn man alles zusammenschmeißt, und Ihre Frau noch ein paar hübsche Eier liefert, dann reichts für einen Versuch - das sieht wirklich gut aus.”

Scheiß Pille.
Was hat der da gesagt? Tantchen kullert kräftig Wasser aus den Augen. Ich bin ziemlich döselig und die
Worte schweben in meinem Kopf!

1 Versuch!
Wow!

Der Prof. herzt Tantchen kräftig und hat ebenfalls ordentlich Wasser in den Augen. Dann wird das
Tantchen nochmal kräftig gedrückt und irgendwie erscheint er mir wie ein Rumpelstilzchen, das
überglücklich ums Feuer hüpft.
Tantchen, kann Ihre Professionalität nicht untedrücken und klopft sofort die möglichen Praxen ab.
“Göttingen! Ich empfehle Ihnen Göttingen!” Sagts und pinnt die Adresse irgendwo auf einen Umschlag.
“Was für ein Tag!” Der Prof. ist nicht mehr zu erkennen. Der freut sich wie ein kleiner Junge über den ersten Baukasten!

“Überbringen Sie Dr.xyz in Göttingen bitte wortwörtlich folgende Nachricht von mir: Er soll sich
verdammt noch mal ordentlich anstrengen, hier ist ein positiver Klinefelter! Bitte sagen Sie es Ihm
wirklich wörtlich. Das hilft!”

Okay. Das übernehme ich persönlich!

An dieser Stelle also meinen tiefen Dank an das komplette Hamburger Team! Und an alle die kräftigst
alle Daumen gedrückt haben! An R. für die supi Eisbeutelchen, die auch jetzt wieder die Goldklunkern
kühlen!

Insbesondere jedoch an Doc Schulze.
Respekt.
Wirklich.

Okay, jetzt stehen einige Vorsorgeuntersuchungen ins Haus. Egal. Irgendwann, nach Abschluss der
Untersuchungen meiner Zellen in HH geht es an den ersten und einzigen Versuch mich zusammen mit TH fortzupflanzen und diesem Planeten ein oder zwei oder oder … Kinder zu präsentieren, die die Welt so nicht erwartet hat!

Zu Minden sage ich derzeit noch nichts. Dr. B. wird allerdings noch von mir hören!

Nachfolgend ein paar Partysmilies zum anklicken!
laola.gifclub.gif2587.gif10.gif123.gif4865.gifgitarre2.gifgrosscool.gif3358.gif7789.gifgodday.giflexy_bett.gifsmilies.gifyo.gif
T.




2 Kommentare to “Partytime”

  1. Konny schreibt:

    Lieber T.,

    danke für den umfassenden Bericht, jetzt sitz ich zwinkernd und schniefend im Büro und versuche mir nicht anmerken zu lassen, dass ich grad ein paar Tränchen verdrücke! Es ist immer wieder unfassbar zu hören, wie sehr Prof. Schulze mit seinen Patienten mitleidet, bei uns stand er damals da wie ein Häufchen Elend. Umsomehr freue ich mich, dass ihr jetzt die Rumpelstilzchen-Version sehen durftet!!!

    Achso, heute war ein Artikel für euch in der Ärztezeitung: http://www.kiwu-wuki.de/2007/03/klinefeltersyndrom_wird_oft_la.html

    Weiterhin gute Besserung!

    LG
    Konny

  2. Katja1978 schreibt:

    Lieber T.

    danke für den langen und ausführlichen Bericht. Ich freue mich, genauso wie mein Schatz, das die TESE so gut gelaufen ist!

    Zu Minden verlieren wir mal kein Wort… *gr* ….aber Göttingen liegt auch viel näher für Euch. *g*

    Schon Dich noch ein wenig.

    LG
    Katja

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