Was soll ich sagen? Wir wurden in den letzten Tagen von einem Gefühlschaos ins nächste katapultiert.
Meine Finger zittern und ich bin vollkommen aufgelöst.
Vielleicht fange ich erstmal mit der Kurzfassung für eilige Leser an:
1. T. hat das Klinefelter-Syndrom. Das wissen wir seit Donnerstag und uns wurde gleich angeboten, die TESE am Freitag abzusagen und wieder nach Hause zu fahren.
2. Professor Schulze hat trotzdem Spermien gefunden. Ich liebe diesen Mann. Er konnte es selbst kaum fassen. Hat gegrinst wie ein Honigkuchenpferd und mich heulendes Elend gar nicht mehr aus seinen Armen gelassen.
3. Wir haben einen Versuch. Eine einzige großartige Chance, ein gemeinsames Kind zu bekommen.
Soviel für’s erste. Jetzt erstmal Kaffee ziehen und nach meinem medizinischen Wunder schauen gehen. Danach gibt’s die Long-Version.
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Donnerstag in aller Frühe sind wir immerhin mit der Sicherheit losgefahren, den Weg nach HH nun zu kennen. Das war angesichts des Verkehrsaufkommens auch bitter notwendig.
Täglich grüßt das Murmeltier - Termin um 11 und wir um Punkt 10 in der Tiefgarage. Immerhin hat T. nicht gesagt: “Lass uns wieder nach Hause fahren.” Das hat an diesem Tag die Ärztin für ihn übernommen.
Als klar war, dass die nette Ärztin die Voruntersuchung übernehmen würde, sah ich T. schon dezent die Fassung verlieren. (Höchstwahrscheinlich würde er mir nun gerade widersprechen - aber er ist ja nun leider ans Sofa gefesselt.
Er rechnete fest damit, dass die nette Dame ihm nochmal an die Hoden packen würde…
Sie wollte lediglich von uns wissen, ob noch Fragen bestünden. Klaro - T. wollte zum dritten Mal bestätigt haben, dass die Spritzen nicht direkt in den Hoden gejagt werden. Ich habe in der Zwischenzeit versehentlich ihren Schreibtisch abgerissen. Nach ein bisschen Aufklärerei kam mir der Gedanke, mal nach den Blutergebnissen zu fragen.
Schließlich hatte Minden auch schon eine Chromosomenuntersuchung angeleiert. Mit Schulze waren es zwei - und nie haben wir eine Rückmeldung bekommen.
Sie schaute uns mit großen Augen an und fragte: “Ja, wissen Sie denn gar nicht Bescheid?” Blätterte etwas verwirrt in T.’s Akte und sagte dann mit entschlossener Stimme: “Gut. Dann werden Sie eben von mir aufgeklärt.”
Schicke Sache das. Die Adleraugen von Tante Heinz hatten nämlich schon die fett gedruckte Diagnose gesehen. Das war der Zeitpunkt, an dem mir der Kaffee, den wir uns vorher an der A7 genehmigt hatten, latent in den Hals gestiegen ist.
Ein X-Chromosom ist definitiv zu viel an T. vergeben worden. Und die Tatsache, dass wir das noch nicht gesagt bekommen hatten, machte die Frau Doktor ganz schön wütend. Irgendjemand wird von ihr ordentlich einen auf den Deckel bekommen haben. Gut, dass wir es nicht waren. Glaube, die Dame kann auch ganz schön rabiat werden.
Grmpf. Ich war ganz froh darüber, ins kalte Wasser geschmissen zu werden. Wer weiß, ob wir mit der Diagnose überhaupt losgefahren wären? Höchstwahrscheinlich nicht. Die 3%ige Wahrscheinlichkeit, etwas zu finden, hat uns doch etwas verstört. Schließlich sind wir vor acht Wochen noch von 50% ausgegangen.
(Kleine Bemerkung am Rande: Ich werde Minden nicht noch mal besuchen. Meiner Meinung nach wäre es die verdammte Pflicht und Schuldigkeit des Herrn Dr. B. gewesen, mir mitzuteilen, dass T.’s Chromosomenuntersuchung auffällig verlaufen ist… Statt dessen fragt er mich, wann wir denn mal wieder vorbeikommen wollen, oder ob er die Akte schließen solle. Klaro. Privatversicherte Ehefrauen bestellt man gerne mal abends um halb acht telefonisch zu einem kleinen persönlichen Plausch in die Praxis, wenn die gesetzlich versicherten Gatten ein erwiesenermaßen dem Kinderwunsch nicht gerade zuträgliches Problem haben…
Während ich grummelnd mit Minden abschließ, wurde T. erklärt, dass er ab sofort regelmäßig zum Brustabtasten zum Frauenarzt müsse. Wäre die Situation nicht so tragisch gewesen, hätte mich sein Gesicht bei dieser Ankündigung zum Lachen gebracht.
Das Ausmaß des Ganzen wurde uns dann endgültig bewusst, als sie uns sagte, dass eine TESE definitv nur ein einziges Mal durchgeführt werden könne und wir nun die Möglichkeit hätten, die geplante TESE noch einmal zu überdenken und nach Hause zu fahren.
T. Entscheidung, zu bleiben, kam wie aus der Pistole geschossen. Dafür war ich ihm sehr dankbar.
Wir sind danach einigermaßen verdattert ins Hotel gefahren. Einen ganzen Nachmittag galt es zu überbrücken. Komischerweise hörte es genau da auch auf, wie aus Kübeln zu gießen, so dass wir uns für Herrn Hagenbeck entschieden haben. Dem empfohlenen Miniaturwunderland erteilte T. eine klare Absage.
Den Zoo hatten wir fast komplett für uns. Da haben sich die 30 Öcken Eintritt ja richtig gelohnt. Und die Sonne schien auch manchmal. Vor allem hatten wir so viel Bewegung und frische Luft, dass wir abends einigermaßen nett eingeschlummert sind.
Morgens wurde es dann etwas stressig, nachdem das vom Hotel eingepackte Lunchpaket vor demselben auf den Boden knallte und sich drei Flaschen Apfelsaft vor mir ergossen.
Fünf nach sieben wussten wir dann plötzlich nicht mehr, wo wir uns eigentlich melden sollten. Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn wir einigermaßen entspannt in Zimmer 204 eingetroffen wären.
Zimmer 204 war mit zwei Betten ausgestattet, aber es wurde uns ziemlich schnell klar, dass T. dort als dritter von drei Männern alleine einquartiert war. Selbstverständlich für uns ein Grund dafür, darüber zu spekulieren, dass wir höchstwahrscheinlich das Quotenpaar mit Negativ-Ergebnis sein würden.
T. war der erste im OP und ich war die erste an der Kaffeetheke. Mjammi Kaffee geschlabbert und nach der vereinbarten halben Stunde war ich bereit, T. in Empfang zu nehmen. Kein T. kam. Eine dreiviertel Stunde taperte ich auf dem Flur hin und her. Schreckensszenarien im Kopf. Ständig stand ich einem Anästhesisten im Weg, der grundsätzlich in die Tür wollte, an der ich gerade im Schneckentempo vorbeischlurfte.
Tatsächlich hatte T. Hunger, als er ins Zimmer geschoben wurde. Dreimal bin ich zur Kaffeetante in der Bäckerei gejuckelt, um uns bei Laune zu halten. T. erzählte mir in der Zwischenzeit, dass die beiden Studentenmäuschen, die bei der TESE zuschauen durften, vom Professor kritischst auf ihre Anatomiekenntnisse hin überprüft wurden, nachdem sie es gewagt hatten, angesichts der Diagnose lauthals den Sinn der OP in Frage zu stellen. (Mein armer T… Gebt mir die neunmalklugen Studentinnen, ich esse sie lebend auf.)
Kurz vor 12 kam der Professor reingestolpert. Im Anorak und mit einem beautycase-ähnlichem Etwas in der Hand. Er begrüßte uns mit den Worten: “Ach, Herr T. mit Klinefelter-Syndrom.” Da wollte ich ihm kurzfristig an die Gurgel gehen. Dieses Gefühl legte sich schlagartig, als er sagte:
“Auch bei Ihnen habe ich etwas gefunden. Es reicht für einen Versuch. Und die Funde sehen gut aus! Wenn die Eizellen Ihrer Frau genauso gut aussehen, dann könnte es klappen, Herr T.!!”
Damit hatte er mich nun wirklich auf dem ganz falschen Fuß erwischt. Hatte ich mich doch den ganzen Morgen mit der Fragestellung beschäftigt, wie T. und ich das für mich glasklare Negativ verpacken würden. Und da kommt der einfach reingehüpft und redet etwas von gut aussehenden Funden.
Und was hat er sich gefreut… Während er mich zum zweiten Mal drückte, prognostizierte er uns angesichts meines Alters keine schlechte Chancen. Wenn wir uns beeilten. An seinen Proben sollte es nicht liegen.
Harhar… Charmanter Mann, das muss man ihm lassen. Spart nicht mit Komplimenten für fast einunddreißigjährige Tanten.
Wieder im Hotel habe ich T. ans Bett gefesselt, ihn ob seiner Männlichkeit mit Komplimenten überschüttet und mit viel Essen und 1A-Kühlpäcks versorgt. Schlafen konnte er leider trotzdem nicht, denn er hatte ganz schön fiese Schmerzen.
Die Hoteldame hat mich heute morgen netterweise mit einem Tablett versorgt, so dass ich T. sein Frühstück auf’s Zimmer bringen konnte.
Ich war heilfroh, als ich das Auto nach vier Stunden Fahrerei auf unserer Einfahrt parkte. Jetzt liegt mein persönlicher Held auf dem Sofa und lässt ausrichten:
Trotz Klinefelter-Syndrom sieht er vollkommen männlich aus. Seine Gliedmaßen stehen im optimalen Verhältnis zum restlichen Körper und er ist außerordentlich proper behaart. Dem stimme ich zu. (Ganz lieben Gruß an Konny…. Du hattest den richtigen Riecher, was die Diagnose anbetrifft…
Wir sind uns vollkommen im Klaren darüber, dass eine einzige Chance verdammt wenig ist. Aber ich bin unendlich dankbar dafür, dass wir diese eine Chance bekommen.
Mit der Diagnose an sich müssen wir uns erstmal genauer auseinandersetzen. Denn die Konsequenzen, die sich daraus in Zukunft ergeben, bedürfen der Verarbeitung.
Minden ist ein Kapitel für sich. Die werden mich da keinesfalls befruchten, das steht fest.
So gut, wie wir uns bei unserem Erstgespräch dort aufgehoben gefühlt haben: Die Diagnose ist uns vorenthalten worden. Es wäre kein Thema gewesen, mir am Telefon die Dringlichkeit eines persönlichen Gespräches zu verdeutlichen. Die TESE war die erste und letzte durchführbare. Und Doc B. hätte zugelassen, dass sein Partner-Urologe an T. herumschnitzt. Professor Schulze hätte uns bei der Bitte um einen zweiten Versuch wieder nach Hause geschickt.
Das macht mich wütend und bestärkt mich in meinem Vorhaben, am Montag unsere Befunde anzufordern.
Insofern danken wir allen ganz herzlich, die uns zu einem sofortigen Besuch beim Professor geraten haben. Seine Kollegin habe ich ebenfalls in mein Tantenherz geschlossen. Redet nicht um den heißen Brei, hat Humor und klärt so auf, dass keine Fragen offen bleiben.
So. Und jetzt geht’s zu T. auf die Couch.