Ich stehe auf Tageskliniken…
Da fahre ich auch gerne mal zwei Stündchen, um die nächste zu erreichen. Immerhin sitze ich knappe 22 Stunden postoperativ auf meinem Schreibtischstuhl, trinke genüsslich meinen Kaffee und empfange die positiven Schwingungen meiner Katzen, denen ich gerade heldenhaft ihr Futter kredenzt habe, obwohl sie gestern abend meinen Bauch als Absprungbasis benutzt haben.. Auaaua…
Nachdem wir am Donnerstag in aller Frühe im Wohnmobil Richtung Ostwestfalen gedüst sind und uns obligatorischerweise verfahren haben (…mannomann, selbst Bad Oeynhausen bringt uns an unsere Grenzen…
, hatten wir nach einem Vorgespräch mit meinem Operateur (T. blieb mit hunderttausend Frauen im Wartezimmer, die fanden ihn ganz putzig, glaube ich… Als er jedoch die Dame, die eine Plastiktüte in der Hand hielt, auf der stand “Hurra, bald werde ich Mama…”, mit sehr grimmigen Blicken bedachte, habe ich kurz darüber nachgedacht, ihn draußen warten zu lassen…
noch den ganzen Nachmittag Zeit, uns zu verlustieren. Blöd, wenn es den ganzen Tag schüttet wie aus Kübeln.
Ikea hat uns gerettet. Ebenso der riesige Einkaufspark, den ich unter normalen Umständen naserümpfend ignoriert hätte. Aber in dem Zustand, in dem ich mich am Donnerstag nachmittag befand, hatte ich sogar Spaß dabei, mich vor die riesengroße aufgebaute Watteweihnachtslandschaft zu stellen, und den bescheuerten Teddybären dabei zuzusehen, wie sie mit Köpfen und Armen wackeln. (”Hohoho, Schlittenfahren macht Spaß… Kinder, schneller…. Gleich kommt der Weihnachtsmann…”
Ebenso spaßig fand ich persönlich es, als zwei Zweijährige über den Zaun stiegen, durch die Watte wanderten, den Teddybär festhielten und die Weihnachtswackellandschaft zum Erliegen brachten.
Weniger spaßig war die Tatsache, dass ich zum ersten Mal seit 15 Jahren eine Packung Binden kaufen musste. Was nimmt man denn da? Extralong? Die mit drei Tropfen oder mit vier? Die für die Nacht oder die für den Tag? Die in rosa, oder die mit dem doppelten Inhalt? Was hatte Ökotest nochmal empfohlen? Waren Alldays Ultra nicht voll mit Phtalaten??? Sehr gruselig, das Ganze. Und ungefähr genauso peinlich wie in Teeniezeiten.
Irgendwann haben wir dann unser rollendes Häuschen nett neben einer Kirche geparkt und sind lesenderweise entschlummert. Nun ja. Die Nacht war kalt. T. hat geschnarcht. Es war eng. Ich war aufgeregt. Kurzum: Die Nacht war echt schlecht.
Morgens wurden wir wach von einer Horde polnischer Arbeiter, die ausgerechnet neben unserem Auto Landschaftarbeiten verrichten wollten.
Nächster Negativpunkt: Ich musste mich mit kaltem Wasser waschen und Frühstück war auch nicht.
Also auf zur Tagesklinik, hocherotisches Nachthemd übergeworfen, Plastik über die Füße gezogen, Blase entleert und auf den Stuhl gelegt. Wieso haben die mir die Beine festgeschnallt? Neigt man während der OP zum Um-Sich-Trampeln?
Der Anästhesist war ein anderer als am Donnerstag, aber genauso nett. Hat immer ganz niedlich wieder mein Hemdchen über meine Oberschenkel gezogen.
Der Operateur war derselbe. Kam rein und fragte mich: “Na, Tante Heinz, wie fühlen Sie sich? Ganz schön ausgeliefert, was? Haben Sie noch irgendwelche Fragen?” “Ausgeliefert und erniedrigt. Überhaupt keine Fragen mehr. Ich bin dafür, wir fangen schnell an.”
Und zack, war ich weg.
Wach wurde ich eine Stunde später, als der Operateur seine Uhr suchte. Da hatte ich ein paar seltsame Gedanken, tastete meinen Bauch auf eventuelles Uhrenticken ab und stellte fest, dass ihn nur zwei Pflaster zierten. Danach gab ich mich der Überlegung hin, wer mir wohl meine Unterhose wieder angezogen hat.
Irgendwie war ich am Freitag die einzige Patientin dort in der Klinik, denn, wie man mir am Tag vorher sagte, die Terminvergabe war ein Versehen, aber weil ich von so weit weg komme, würde man mich doch operieren.
Die Schwester hatte also nur mich zur versorgen und konnte zwischendurch putzen. Ich weiß nicht, was sie da geputzt hat, es hörte sich so an, als würde sie riesige Backbleche abschrubben.
Der nette Anästhesist kam, setzte sich auf das freie Bett neben mich und erzählte mir ein paar Schwänke aus seinem Leben. (”Ich durfte ihnen heute sogar das Kontrastmittel spritzen… Der Doc und ich haben das ganz alleine gemacht. War ja sonst keiner da.” —> Womit das Rätsel mit der Unterhose gelöst wäre…. )
Ich musste ihn leider unterbrechen, weil mir saukalt war. Und da ja sonst niemand da war, beglückte er mich mit der Decke vom Bett nebenan.
Dann kam der Herr Operateur (mit Uhr, wie ich erleichtert feststellen durfte) und sagte mir, ich hätte zarte Eileiter, die 1a durchlässig sind für die Eier, die nachgewiesenerweise auch springen, eine schöne und nun leere Gebärmutter, keine Endometriose und er sähe keinen Grund, weshalb ich keine Kinder bekäme. Ich habe ihn wohl etwas verstört angesehen, denn er sagte: “Tante Heinz. Sie müssen sich freuen. Sie sind ganz gesund.” Okay. Freuen-Knopf gedrückt, damit er keine weiteren Fragen stellt. T., komm!!! Wenn, dann klär Du ihn doch bitte auf….
Dann kam schon wieder der Anästhesist. Das scheint in Tageskliniken zum Programm zu gehören. Patienten bloß nicht schlafen lassen. Die sollen wach bleiben, damit sie schneller das Bett räumen. Er sagte mir strahlend dasselbe wie der Operateur. “Bei Ihnen sieht alles klasse aus. Sie werden schwuppdiwupp ein Kind bekommen.” Das sagte er mir ganz gerührt.
Ich hatte gar keine Zeit, mich meinen Depressionen hinzugeben, denn kaum kamen ein paar Tränchen, kam die Schwester mit leckerem Tee und der Auflage, jetzt mal langsam aufzustehen. (Klar. Freitag, kurz vor eins… Der Feierabend ruft. Patientin muss mobilisiert werden.) Ich setzte mich hin und hatte das Gefühl, eine Riesenluftblase waberte durch meinen Körper. Auaaua. Tut ja doch weh. Schnell wieder hinlegen und noch ein bisschen schlafen.
Da hatte ich die Rechnung aber ohne den Wirt gemacht. Zack, war die Schwester wieder da. Die wollte definitiv nach Hause. Sie versuchte, mich mit meiner Diagnose zu motivieren (”Jetzt stellen Sie sich langsam hin und denken positiv, schließlich können Sie ohne Probleme Kinder bekommen. Das sind doch schöne Nachrichten.”
Uah.
Und dann kam T. Eigentlich wollte man ihn anrufen, wenn ich senkrecht stehen konnte, aber ihm hat’s zu lange gedauert und er hat an der Tür geklingelt.
Mein Retter. Mein Helfer in der Not.
Er hat mich an den Arm genommen, wir sind durch die Klinik gewandert und dann wurde mir schwarz vor den Augen. Kritischer Blick der Schwester. “Lassen Sie die Augen auf, sonst kippen Sie uns weg.” “Ja, bitte, wegkippen.” Die Aussicht auf eine Ohnmacht fand ich in diesem Moment ganz nett. Es fiel mir wirklich schwer, der Schwester zu gehorchen. Sie gab mir Kreislauftropfen und ein Glas Wasser und danach ging’s wieder.
Nach einem Kilometer Tagesklinikspaziergang durfte ich mich anziehen, stellte fest, dass meine Hose nicht mehr passte und wir wurden nach Hause entlassen.
Die Rückfahrt war vollkommen okay. Schmerzen hatte ich immer nur, wenn ich meine Position veränderte.
Habe den Tag auf dem Sofa verbracht und leckere Dinge gemampft.
Heute merke ich die Schmerzen nur noch ein bisschen in den Schultern. Das Gefühl, wenn man aus dem Liegen ins Stehen kommt, ist ein bisschen komisch. Da wandert eine riesengroße Luftblase durch den ganzen Körper. Bücken geht auch noch nicht so gut. Gestern habe ich noch ziemliche Probleme beim lauten Sprechen gehabt, da tat das Zwerchfell weh. Das geht heute wieder ohne Probleme.
Denke, ich kann wider Erwarten am Montag wieder arbeiten.
Resumee der letzten zwei Tage:
Bauch- und Gebärmutterspiegelungen würde ich immer wieder in einer Tagesklinik durchführen lassen. Die hatten da sogar ganz frech gemusterte Bettwäsche. Kein Weiß, wie ich es erwartet hätte.
Rülpsen erleichtert.
Neue Unterhosen sollte man für diese OP nicht kaufen. Eher die nehmen, die eh kurz vor dem Verfallsdatum stehen.
Man kann innerhalb von drei Sekunden die Kinderabteilung von Ikea durchqueren, obwohl man die Augen maximal zukneift.
Ich bin gesund, und damit sind wir wegen unserer Krankenkassenkonstellation definitiv Selbstzahler.
T. nimmt’s gelassen. (”Wenn sie dir dann mal eine - selbstverständlich von mir befruchtete - Eizelle einsetzen, dann hat’s sie’s ganz kuschelig.”
Bevor man eine Bauchspiegelung durchführen lässt, sollte man alle Beteiligten vorher über die Azoospermie seines Ehemannes aufklären. Das war ein großer Fehler meinerseits. Wahrscheinlich fragen die sich heute noch, warum ich keinerlei Anzeichen von Freude habe zeigen können, nachdem sie mir mit glänzenden Augen und in blumigen Worten die Beschaffenheit meiner Innereien beschrieben haben. Hörte sich so an, als sähen sie das nicht so häufig.
Gestern hatte ich jedenfalls nicht die Kraft, das Missverständnis aufzuklären.
So. Werde mich jetzt wieder hinlegen, meinen Krimi weiterlesen und meine Wunden lecken. Hätte mir gestern jemand gesagt, ich würde heute schon wieder sitzen und schreiben, ich hätte ihn wirklich ausgelacht.
Samstag, 9 Dezember 2006 um 11:18 vormittags
Liebe Tante Heinz,
schön, das es Dir wieder besser geht,BS finde ich vom Wundschmerz, gut bei mir wird auch immer viel geschnibbelt, nicht so doll. Ganz ehrlich, dann lieber eine neurochirurgischer Eingriff, da sind die Narkosen anders und der Wundschmerz ist wirklich gut auszuhalten.
Hihi, mit dem Verfahren….wie wärs mit einem Navi fürs Auto? Ich würde mich auch daran beteiligen, das kann man fast nicht mehr mit lesen…
Da ist mit dem Freuen blieb mir gottseidank erspart, weil bei mir bei den BS zwei und drei die Konstellation anders war und bei Nr. 4 mein KIWU-Doc dabei war und er die Werte von Männe kannte. Ich hätte den Docs die eiskalt um die Ohren gehauen, nach einer OP bin ich immer leicht rebellisch….
Im Grunde ist es ja schön, das bei Dir alles ok ist, aber ich hätte mir wegen Eurer KK-Konstelation gewünscht, das vielleicht doch irgendwas an den EL wäre, die brauchst Du ja für die ICSI nicht. Das die GM top ist, das sollte auch so sein und finde ich sehr gut.
Die Sprüche von dem Doc vor der OP waren irgendwie doof…tut mir leid, manche Ärzte können da sooo bescheuert sein.
Erhol Dich gut und schone Dich noch ein wenig!!! Mein Daumen gehen dann mal in Position für den 02.01.!!
Ganz liebe Grüße,
Katja
P.S. Ehrlich gesagt, ich mag die stationären Aufenthalte lieber, werde aber wegen meiner Krankengeschichte eh nie in den Genuss von Tageskliniken kommen.
Samstag, 9 Dezember 2006 um 12:54 nachmittags
Ach, der Spruch von dem Doc waren vollkommen in Ordnung, er hat’s ja sehr mitfühlend gesagt.
Ich finde den Wund- und Luftschmerz unangenehm, aber auszuhalten, weil ich zu Hause bin und mich bei meinen Verrenkungen niemand beobachtet. Außer meinem Mann natürlich, der mir heute morgen liebevoll mitteilte, ich sähe total Kacke aus. Na gut. Er hat Recht. Ich habe es beim Blick in den Spiegel eben auch bemerkt.
Samstag, 9 Dezember 2006 um 3:47 nachmittags
Hi,
natürlich kannst Du noch nicht wie das blühende Leben aussehen, so eine OP ist anstrengend, auch wenn mal schläft…
Schon Dich weiter und überlege Dir das mit dem Arbeiten!
Dienstag, 12 Dezember 2006 um 10:34 vormittags
Hallo Tante Heinz,
nach meiner GS und BS bin ich zwei Tage lang ständig irgendwo gegen gelaufen, war wohl noch ziemlich unter Drogen, der Vorteil: kaum Schmerzen an Bauch und Schultern, dabei umso mehr Schmerzen am Schienbein und vor allem am kleinen Zeh. Mir hat mein Doc freudestrahlend mitgeteilt, dass alles O.K. ist, super aussieht, die Eileiter durchlässig sind aber leider nicht funktionieren. Da habe ich mich doch gleich mitgefreut, allerdings nur 3 Tage, dann habe ich verstanden, was er mir gesagt hat. So Narkosen könnte ich alle drei Tage gebrauchen, ich freu mich dann wie ein Schneekönig, komme da, was wolle.
Freue mich, dass Du die OP gut überstanden hast, aber es tut mir natürlixh sehr leid, dass Euch das zu Selbstzahlern macht. Kann da ein geschickter Doc nix finden? Da muss doch was zu finden sein! Ich würde den Arzt noch Mal fragen, ob die Eileiter nicht doch etwas schwach aussahen, so eine Diagnose “Hypoplastische Tuben”, wäre vielleicht nicht schlecht, vor allem weil das nicht alle Ärzte bei einer BS entdecken, meiner angeblich nur, weil er schon so viel Erfahrung auf dem Gebiet hat. Wünsche Dir auf jeden Fall viel Glück und gute Heilung der Wunde.
LG Bärbel
Dienstag, 12 Dezember 2006 um 12:00 nachmittags
“Hypoplastische Tuben” hören sich außerordentlich gefährlich an und ich denke, ich werde beim nächsten Telefonat mit dem Herrn Doc dezent darauf hinweisen, dass es sich in mir stark nach hypoplastischen Tuben anfühlt. Versuch macht kluch.