Da schaue ich heute morgen auf unsere Fensterbank, und da erdreistet sich die Orchidee, die wir zur Hochzeit von unserem blöden Vermieter bekommen haben, schon wieder zu blühen. Und zwar nicht mit einer einzigen Blüte, nein, sie hat vor, dieses sechzehnfach zu tun.
Seit zweieinhalb Jahren warte ich darauf, dass die superedle Spitzenorchidee von meiner Mutter endlich mal ein Knöspchen wirft. Nix. Die Baumarktblume von dem kleinen Wahnsinnigen, die hört gar nicht auf, uns mit weißen Blüten (…uah…
zu erschlagen. Dabei gießen wir sie beide nur einmal im Quartal. Anscheinend reagiert sie auf negative Schwingungen mit Trotzblüte.
Letzte Woche habe ich noch gedacht: “Du kommst weg. Mit Dir ziehen wir nicht um… Alle Altlasten müssen vernichtet werden, also auch Du.” Nun macht sie’s mir doch ein bisschen schwer.
Vielleicht sollte sie doch ein kleines Eckchen bekommen? Im Badezimmer vielleicht? So dezent in einer Ecke auf der Badewanne? Höchstwahrscheinlich veranlasst sie das dazu, zum Baum zu mutieren. Sie wird uns eines Nachts noch mit ihren Luftwurzeln erwürgen. 
So. Mein Mann feiert gerade seinen letzten Arbeitstag, und ich armes Hutzelputzelchen habe noch zweieinhalb vor mir. Ohne Weihnachtsfeier, denn schließlich arbeite ich mutterseelenalleine.
Bin ich arm dran. Immerhin werde ich von den kleinen Klienten dieses Jahr reich beschenkt. Ich scheine ganz nett gewesen zu sein, wenn ich mir das hier so ansehe.. Und bisher noch keine Packung “Mon Cherie… Strike!
Wie jedes Jahr geht mein Plan, alle Weihnachtsgeschenke im Buchladen meines Vertrauens zu bestellen und lediglich abzuholen, nicht auf. Ein Buch ist nicht lieferbar. Ausgerechnet das für den schwierigsten Geschenkekandidaten. Und dazu noch das, das ich zusammen mit meiner Schwester schenken wollte, die bei derartigen Negativ-Nachrichten gerne in Panik verfällt…
Hui. Das muss wohldosiert und mit Gefühl übermittelt werden.
Und das heißt außerdem: Am Samstag muss eine Alternative besorgt werden. Mein Alptraum der letzten fünf Tage wird Wirklichkeit: Ich muss ins Getümmel. Und T. muss mit, um mich vor dem Wahnsinn zu retten. Hoffentlich hält unsere Ehe dem stand….
Heiligabend werden meine Eltern es tatsächlich schaffen, mit allen drei (wohlgeratenen) Kindern unter dem Weihnachtsbaum zu campieren. Ich glaube sogar, dass das mal wieder ganz spaßig werden könnte, schließlich fehlt sonst immer mein Bruder, der Weihnachten eigentlich seine Hauptarbeitszeit hat. Bandscheibenvorfall sei Dank… Dieses Jahr klappt’s.
Gar nicht spaßig hingegen wird der Besuch beim anderen Teil der Familie. Also dem enkelreichen Teil. Weiß gar nicht, wie ich mich da geschickt aus der Affäre ziehen könnte. Höchstwahrscheinlich ist dieses Unterfangen aussichtslos und würde mich den Rest meines Lebens in Form eines dunklen Schattens begleiten. Glaube, T. hat auch keinen Bock. Muss das heute abend nochmal dezent abklopfen.
Es sollte doch reichen, die Geschenke vor der Tür abzulegen. Anders macht’s das Christkind doch auch nicht. Und überhaupt: Sollte man nicht Narrenfreiheit genießen, wenn einem erst vor 12 Wochen die absolute Infertilität bescheinigt wurde? So gruselig, wie es gerade geschrieben aussieht: Weihnachten könnte man es sich zu Nutze machen und ein wenig leidend durch die Weltgeschichte tapern.
So leidend, dass die glücklich eingestellte Verwandschaft mit den herausgeputzten Kinderlein sich erleichtert den Schweiß von der Stirn wischt, wenn die Gute-Laune-Killer wehklagend nach 5 Minuten die Gesellschaft wieder verlassen.
So. Läute nun den zweiten Teil des Mittwochs ein. Muss gerade mal wieder höllisch aufpassen:
Bei manchen Kindern kommt der Weihnachtsmann. Bei manchen kommt das Christkind. Bei manchen kommt Rudi das Rentier (?). Da darf man nichts durcheinanderwürfeln, das wird insbesondere von Mamas schwer übergenommen.
Einige Kinder sind aufgeklärt und bescheinigen mir geistigen Irrsinn. “Tante Heinz, Du bist doof. Die Geschenke bringen Deine Eltern.” Okay, Herr Neunmalklug. Wir wechseln nun mal lieber hübsch das Thema.
Pauschal kann festgehalten werden: Mit Kindern kann man gerade nicht ernsthaft arbeiten. Und ich hatte mir kurzfristig überlegt, zwischen Weihnachten und Neujahr ein bis zwei Arbeitstage einzulegen.
Diesen Plan habe ich aber seit drei Tagen verworfen. Geht gar nicht… Alle verrückt.
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Nur noch zwei volle Tage. Hurra. Unterbrochen von dem Highlight, dass ich am Freitag mittag die Dame treffe, mit der ich eine Praxisgemeinschaft plane. Fatalerweise kenne ich sie noch nicht.
Aber da die Wunschräume für mich etwas zu groß sind, und dementsprechend auch etwas zu teuer - schließlich müssen wir uns in den kommenden Jahren ja auch noch die Produktion von ein bis zwei Kindern finanzieren - hat sich mein Arzt und Vermieter überlegt, dass er da eine nette junge Dame in petto hat, die sich die Räume gerne mit mir teilen will. Auf meine Frage, ob die was taugt, antwortete er: “Sie ist ganz gut drauf.” Diese Aussage von einem Mann… Das heißt alles und nichts.
Ich werde das am Freitag testen. Auf zum Kaffee mit der neuen Kollegin. Auf dass ich auch bald mal eine Weihnachtsfeier feiern kann. Wir könnten uns zum Beispiel gegenseitig bewichteln. 
Weiß gar nicht, ob ich überhaupt noch zur Kollegialität tauge. Sollte sie sofort mit den wichtigsten Tatsachen konfrontieren:
1. Ein Klo ist für mich.
2. Wehe, sie neigt zum Kreischen.
3. Wenn sie Kinder hat, darf sie mir davon nichts erzählen.
4. Wenn sie welche will, auch nicht.
5. Wenn sie keine kriegen kann, dann schon.
6. Kein Kitsch in gemeinsamen Räumen. Unter Kitsch verbuche ich zum Beispiel sowas hier:


7. Ihre Figur sollte sich von meiner nicht unterscheiden.
8. Keine Vegetarierin.
9. Keine Tuppertante mit übermäßigem Ordnungssinn.
10. Sie sollte die deutsche Sprache in Wort und Schrift beherrschen.
11. Sie sollte Humor haben. Bestenfalls meinen.
Das wären so die wichtigsten Punkte, die zwangsläufig abgeklopft werden müssen. Hatte ich alles schon, brauche ich nicht nochmal.
So. Mein Gatte ist immer noch auf dieser ominösen Weihnachtsparty. Mein erster und letzter Anruf war um 17:00, um abzuklopfen, wer die Ehre hat, ihn abzuholen. Selbstverständlich fiel seine Wahl auf mich. Na töfte… Nebenbei erzählte er auch, dass er vorhat, bis dahin gemeinsam mit albanischen und türkischen Landsleuten die Flasche Whiskey zu plätten, die sie kurz zuvor gefunden hatten.
Ich ahne Schreckliches. Wahrscheinlich habe ich ihn heute morgen das letzte Mal unversehrt gesehen. Dauern Betriebs-Weihnachtsfeiern, die jahrelang nach zwei Stunden zu Ende waren, tatsächlich von 12:00 bis jetzt?
Schwanke zwischen anrufen, um zu hören, dass er noch lebt, oder ignorieren und abwarten, wie er nach Hause findet.
Eine halbe Stunde gebe ich ihm noch. Werde bis dahin die Tüte Lebkuchen-Allerlei futtern (…natürlich ist der Kühlschrank leer…. Schließlich hat wusste T., dass er heute nicht Hunger leiden muss…
und könnte heimlich Cola-Light trinken (…habe gerade Cola-Light-Verbot. T. meint, ich sei süchtig…
, aber noch nicht mal die ist im Haus.
Dann fahre ich los und werde ihn retten.
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Uah. Er geht nicht ans Telefon. Jetzt wird’s kriminell. Hm. Wann holt man Männer von Weihnachtsfeiern ab, ohne dabei hysterisch zu wirken? Und in was für Zeitabständen ruft man an? Diese Frage muss ich mir jetzt erstmal durch den Kopf gehen lassen.